Biodiversität Ruhrgebiet
Die Region und Ausgangssituation


Das Projektgebiet liegt im Ruhrgebiet, einem der größten Ballungsräume Europas mit 15 Städten an Ruhr und Emscher und mehr als 5 Millionen Einwohnern. Es umfasst 14 Brachflächen im Bereich des Emscher Landschaftsparks im nördlichen Ruhrgebiet. Weitere geeignete Brachflächen sollen später hinzukommen. Offene Lebensräume mit einer Vielfalt unterschiedlicher Kleinstrukturen lassen das Ruhrgebiet zu einem "Hotspot" der Biodiversität mit einem für einen urban/industriellen Raum unerwartet hohen Artenreichtum werden. Viele der hier vorkommenden Lebensgemeinschaften sind wenig störanfällig, manche sind sogar auf Störungen angewiesen.
Primäres Ziel des Projekts ist die Erhaltung dieser bedeutenden Offenlandflächen sowie ihre Verzahnung mit anderen öffentlichen Flächen. Durch den Rückgang des Bergbaus seit den 60er Jahren ist das Ruhrgebiet einem schnellen und kontinuierlichen Strukturwandel unterzogen. Bergbau- und Industriebetriebe werden aufgegeben, Bauten und Flächen fallen brach, viele Einwohner ziehen weg; die Bevölkerung, die bleibt, überaltert. Mit dem Schwinden der Industriearbeiterschaft schwinden auch die Milieus und Werte, aus denen die Region früher ihre Identität bezog. Der hohe Anteil an Siedlungsflächen schränkt die Entwicklungsmöglichkeiten ein und bietet den Bewohnern wenig Regenerations- und Erholungsflächen.
Schon früh hat man damit begonnen, zukunftsweisende Stadt- und Regionalentwicklungsprojekte zu entwickeln, viele davon haben Modellcharakter für Regionen mit ähnlichen Problemen. Große bebauungsfreie regionale Grünzüge wurden etabliert, Relikte der Schwerindustrie zu "Kathedralen des Industriezeitalters" entwickelt, Freiflächen durch natürliche Sukzession bewaldet und vernetzt. Da Brachflächen im Stadtbild nicht erwünscht sind, werden für den Erhalt der Artenvielfalt wertvolle Flächen häufig für Folgenutzungen hergerichtet, übererdet, eingesät oder bepflanzt. Mit der darauf fortschreitenden Sukzession gehen immer mehr artenreiche Brachflächen verloren. Werden die Flächen nicht gepflegt, könnte dies mittelfristig zu einem vollständigen Verlust von Offenlandlebensräumen auf den Industriebrachen des Ruhrgebiets führen.
Die Vision


Das naturschutzfachliche Ziel des Projekts ist der Erhalt wertvoller Offenlandbiotope, auf denen die meisten naturschutzrelevanten Arten geschützt werden können. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Lebensgemeinschaften früher Sukzessionsstadien, für die z. B. Kreuzkröte, Flussregenpfeifer und viele Insekten charakteristisch sind. Die Kernflächen sollen planerisch als Grünflächen ausgewiesen werden. Ein weitmaschiges barrierefreies Wegenetz soll ausgebaut werden, damit die Flächen für alle Bevölkerungsgruppen zugänglich sind. Die dazwischen liegenden Flächen sollen nicht begrünt oder bepflanzt werden, sondern über Pflegemaßnahmen zu Offenlandbiotopen entwickelt werden. Neben Mahd, Beweidung und Gehölzpflege sollen dafür auch "offensive" Maßnahmen wie Entkusselung, Rodung und großflächiges Abschieben von Oberboden und Vegetation eingesetzt werden. Auf diese Weise sollen Rohbodenflächen gewonnen werden, aber auch flache, wechselfeuchte und temporäre Gewässer. Eine Verzahnung mit Flächen freier Sukzession, mit Kinderspielflächen und mit weiteren Gestaltungselementen wie Landmarken, Aussichtspunkten oder Rastplätzen soll – sparsam – erfolgen.
Auf Betretungsverbote und massive Maßnahmen zur Besucherlenkung soll weitgehend verzichtet werden. Über Öffentlichkeitsarbeit soll der Wert der Freilandflächen herausgestellt und ins öffentliche Bewusstsein gebracht werden. Für jede Kernfläche soll ein Forum geschaffen werden, in dem alle lokalen Akteure mitwirken können. Bei Stadtplanern und Politikern soll mit Blick auf eine nachhaltige Entwicklung lebenswerter Städte für eine differenzierte Sicht gegenüber einer sinnvollen Folgenutzung von Brachen und einer weiteren baulichen Verdichtung des Ruhrgebiets geworben werden. Durch die Erhöhung des Grünflächenanteils soll die Lebensqualität der ansässigen Bevölkerung verbessert und ihr Wohnumfeld attraktiver werden, neue Naturerfahrungs- und -erlebnismöglichkeiten sollen erschlossen werden und neue Identifikationsmöglichkeiten mit der Natur der Bergbaufolgelandschaft entstehen. Von der gesteigerten Aufmerksamkeit für die Themen Stadtnatur und Stadtnaturschutz sollen positive Impulse für andere Flächen im Ruhrgebiet ausgehen. Als Modellprojekt für neue Wege im Naturschutz im urban-industriellen Raum soll zudem auch das Fachpublikum für das Projekt interessiert werden, beispielsweise im Rahmen eines internationalen Kongresses zur Biodiversität im Ballungsraum.
Die Partnerschaft
Projektträger ist eine Arbeitsgemeinschaft zwischen dem Regionalverband Ruhr (RVR) und den beiden im zentralen Ruhrgebiet beheimateten Biologischen Stationen. Als zentraler Dienstleister für seine Verbandsmitglieder ist der RVR mit der Zielsetzung des Projekts eng verbunden. Seine Organe sichern die Einbindung in Politik und Wirtschaft. Den Trägerverbänden der Biologischen Stationen gehören neben den Städten auch die jeweiligen Naturschutzverbände sowie Landnutzer der Region an. Ebenso vertreten sind Zweckverbände wie der Regionalverband Ruhr selbst und die Emschergenossenschaft.
Dazu sollen weitere regionale Partner eingebunden werden, die einen Beitrag zur Akzeptanzförderung, Imageprägung oder als Multiplikatoren leisten können. Als Projektbegleiter sollen das nordrhein-westfälische Umweltministerium sowie das Landesamt für Natur, Umwelt- und Verbraucherschutz beteiligt werden.
Bewertung
Das Projektgebiet repräsentiert in herausragender Weise eine urban-industrielle Flächenkulisse, die einerseits vom Niedergang der Montanindustrie und dem damit verbundenen Struktur- und Nutzungswandel geprägt und andererseits durch ein herausragendes Potenzial an wertvollen Sekundärbiotopen des Offenlandes sowie aquatischen Biotopen gekennzeichnet ist. Umfangreiche Listen von Tier- und Pflanzenarten (z. B. 50 Farn- und Blütenpflanzen) der Roten Listen Deutschlands sowie Arten der FFH- und Vogelschutz-Richtlinie und FFH-Flächen unterstreichen die bundesweite Bedeutung.
